Meine Follikelpunktion

Seit 155 Tagen bin ich schwanger. Mein kleines Wunder befindet sich also schon seit 155 Tagen in mir und entstand vor 157 Tagen in Form eines winzigen Embryos. Doch angefangen hat das Ganze eigentlich mit der Follikelpunktion, denn ohne sie keine Befruchtung in der Petri-Schale und somit auch kein Embryo. Verrückt, wenn man mal so darüber nachdenkt.

Vor 157 Tag war sie also, meine Follikelpunktion. Der Tag, der unser Leben verändern sollte. Aufgeregt ging in zusammen mit meinem Mann an einem Mittwochmorgen im Mai ganz in der Früh zur Kinderwunschklinik. Eigentlich hungrig, da ich schon am Abend zuvor nichts mehr essen sollte und dann doch so gar nicht hungrig, weil ziemlich aufgeregt. 

Ganz fürchterlich sah ich aus – ungeschminkt, in weiten, bequemen Stoffhosen. Über der Schulter hing sie, die Tasche, gepackt mit allen nötigen Dingen: Ersatzklamotten, Jäckchen, Brille. Würde ich meine Kontaktlinsen anbehalten dürfen? Oder muss man die bei einer Vollnarkose ausziehen? Würde ich dann blind durch die Gegend laufen? Oder wird man gar in einem Bett von A nach B geschoben?

Ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde.

Wir kamen also in der Praxis an und durften gleich nach hinten ins Vorbereitungs- und Aufwachzimmer. Es war 7:30 Uhr und wir waren die Ersten an diesem Morgen und warteten auf die Anästhesistin, die uns über den bevorstehenden Eingriff informieren sollte. Nach ein paar Minuten kam sie dann auch schon, ging mit uns den ausgefüllten Fragebogen durch und ließ uns dann das ein oder andere Formular unterschreiben. Papierkram eben.

Als dies dann alles erledigt war, saßen wir noch eine Weile im Zimmer und schauten uns um. Stille. Nur ein paar Pflanzen, 6 weitere Patientenstühlchen (also solche Sessel, wie man sie oft beim Zahnarzt findet), eine Kaffeemaschine und ein Kühlschrank. Aufgeregt saß ich da, mit meinem Mann an meiner Seite.

Noch schnell klärten wir die Vorgehensweise ab.

Während ich im OP bin und nachdem er seinen Teil zur IVF beigetragen hatte, solle er schnell zum Bäcker gehen. Sicherlich würde ich nach dem Eingriff hungrig sein. Wünsche? Ja – was Herzhaftes! Und was Süßes, man weiß ja nie.

Plötzlich öffnete sich die Tür des OP-Raums und ich wurde gebeten mitzukommen. Gesagt, getan. Mir wurde noch schnell gezeigt, wo ich mich untenrum entkleiden sollte und mir wurde gesagt, dass ich die Kontaktlinsen anbehalten dürfe. Die erste gute Nachricht an diesem Morgen, denn ohne Sehhilfe bin ich blind. So richtig blind.

Dann lief ich also halbnackt durch die zweite Tür und nahm auf dem OP-Stuhl Platz. Dort lief ein bisschen Musik im Hintergrund – ganz nett, denn die Stille hätte mich bestimmt wahnsinnig gemacht. Es waren zwei Arzthelferinnen vor Ort, die mich ein wenig zudeckten (danke!) und alles Weitere vorbereiteten.

Die Vorbereitung im OP

Kanüle in der Hand für den Tropf während der Eizellenentnahme

Mein linker Arm wurde mit einem Blutdruckmessgerät versehen und an meiner rechten Hand sollte jetzt eine Infusion angebracht werden. Meiner Meinung nach war das der schmerzhafteste Teil an diesem Tag. Nach gefühlten 5 Minuten saß der Zugang dann endlich und mittlerweile war auch die Anästhesistin eingetroffen, die mir ganz bald Narkose verabreichen sollte.

Neben den Schmerzen der Kanüle (tut besonders gut, wenn da dann nochmal fest draufgedrückt wird) war es ein ziemlich unschönes Gefühl, als die kalte Flüssigkeit aus dem Tropf langsam aus meiner Hand den Arm hoch kroch. Natürlich nicht schmerzhaft, einfach unangenehm. Vielleicht bin ich aber auch ein bisschen empfindlich.

Die Stimmung im OP-Zimmer war eigentlich ziemlich entspannt. Ich spürte, dass dieser Eingriff, der für mich so sonderbar und aufregend, für alle anderen das täglich Brot war. Da lag ich also, mit Schlauch, Kanüle und Messgerät, und unterhielt mich mit den Damen über mein Leben in den USA. Das hatte alle nämlich sehr interessiert und mir hatte es geholfen, ein wenig runterzukommen.

Dann kam der Arzt ins Zimmer und sagte, dass er gleich soweit sei und man mit der Narkose beginnen könne. Mir wurde also das Narkosemittel verabreicht und mir wurde gesagt, dass alles jetzt ganz schnell gehen wü…

Weg war ich.

Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist im OP-Raum wach zu werden. Geschockt wollte ich sagen: „Hilfe, ich bin wach! Die Dosierung war nicht hoch genug! Seht ihr denn, dass ich wach bin? Hallo?!“ Aber es kam kein Wort über meine Lippen. Stattdessen erinnere ich mich an den nächsten Moment, als ich auf meinem Stühlchen ins Aufwachzimmer geschoben wurde, wo mein Mann auch schon auf mich wartete.

Aber nicht nur er war da, nein, da saßen jetzt plötzlich zwei weitere Paare. Vier Personen. Hilfe. War ich denn noch nackt? Hoffentlich hatte man mich gut abgedeckt! Gedanken wie diese gingen mir durch den Kopf und mein Mann hielt meine Hand und sprach mir gut zu.

Da lag bzw. saß ich also und kam (zumindest gefühlt) wieder schnell zu mir, während eine der anderen Frauen schon in den OP gebracht wurde. Wie in einer Legebatterie, dachte ich mir. Ich fragte meinen Mann, ob er denn alles erledigt habe. Na klar, sagte er und zückte auch schon die Bäckertüte. Ihr könnt euch vermutlich vorstellen, wie glücklich ich in diesem Moment war.

Nicht nur, weil jetzt alles erledigt und das Schlimmste überstanden war. Nein, da wartete eine frische Brezel und ein süßes Teilchen auf mich. Also saß ich nun relativ glücklich und erleichtert auf meinem Stühlchen, kam mehr und mehr zu mir, trank mein Wasser und futterte in mich hinein. Dann gab es noch einen Kaffee.

Eine nach der Anderen

Eizellenentnahme SchmerzenNach gefühlten 10 Minuten kam die meine Leidensgenossin wieder aus dem OP heraus und sah so ganz und gar nicht fit aus. Sie war nicht einmal bei Bewusstsein. Verrückt, dachte ich mir. Auch verrückt, dass die Privatsphäre hier eine andere ist. So etwas hätte es in den USA niemals gegeben, dass alle in einem Raum aufwachen und dann auch noch so ganz ohne Sichtschutz.

Während die dritte im Bunde schon zum OP gebracht wurde, kam die Anästhesistin zu mir und fragte mich nach meinen Schmerzen. Soweit so gut, sagte ich. Sie meinte, dass sie mir aufgrund der vielen Follikel schon Einiges an Schmerzmittel durch den Tropf gegeben hätten, ich aber sagen sollte, wenn es schlimmer werden würde. Außerdem solle ich den Kühlakku, mit dem ich aus dem OP geschoben wurde, noch ein bisschen auf meinen Eierstöcken ruhen lassen.

Wir saßen also noch eine Weile so da, mein Mann und ich. Dann durfte ich mich anziehen und wir sollten noch im Wartezimmer Platz nehmen und auf den Arzt warten, der uns eine kurze Rückmeldung geben wollte. Irgendwann war es dann soweit und der Arzt teilte uns mit, dass man mir 18 Eizellen entnommen hatte und man mich am nächsten Tag anrufen würde, um mir die Befruchtungsrate mitzuteilen.

Danach wurden wir entlassen und gingen nach Hause. 

Den Rest des Tages verbrachte ich auf der Couch und trank brav meinen Eiweißshake, der einer Überstimulation entgegenwirken sollte. Die Schmerzen hielten sich an diesem Tag auch in Grenzen. Meine Befürchtung, dass ich „da unten“ ähnliche Schmerzen wie nach der Geburt meiner Tochter haben würde, bestätigten sich zum Glück nicht.

Im Großen und Ganzen war der erste Tag also auszuhalten und ich ahnte zum Glück noch nicht, dass die nächsten Tage um Einiges schlimmer werden würden. Schließlich hatten mir zwei Freundinnen erzählt, dass sie nach ihrer Follikelpunktion nahezu keine Schmerzen hatten. An diesem ersten Tag war ich also noch guter Dinge, dass dieser Tag der Eizellenentnahme der schlimmste sei. Geirrt. Aber von der Zeit nach der Punktion berichte ich euch mal separat.

Das war sie also, meine Eizellenentnahme

An diesem Tag war ich noch guter Dinge, schließlich hatte man mir 18 Eizellen entnommen. Wer hätte auch damit rechnen sollen, dass es am Ende nur ein Embryo schaffen würde. Wer hätte gedacht, dass für mich zwei Tage später eine Welt zusammenbrechen würde. Und wer hätte gedacht, dass ich am Ende tatsächlich mit meinem kleinen Wunder schwanger werden würde. Ich definitiv nicht.

Ihr Lieben, sollte euch auch eine Punktion bevorstehen, so habt keine Angst. Der Eingriff selbst war bei mir auch nicht sonderlich schlimm und die Tatsache, dass es mir danach nicht gut ging, liegt vermutlich einfach daran, dass ich sehr dicht an einer Überstimulation war. Aber das war aufgrund meines PCO-Syndroms zu erwarten und ich wusste, worauf ich mich einlasse. 

Wenn ich es geschafft habe, dann schafft ihr es erst recht. Macht euch nicht verrückt und lasst alles auf euch zukommen – step by step. Alles nur halb so wild und am Ende das Mittel zum Zweck, um das zu erzielen, was andere Paare mit ein bisschen „Spaß” vollbringen: ein kleines, süßes Baby, das euch zu Eltern macht oder eure Familie bereichert. Ein Baby, das euer Leben für immer verändert.

Wie die Amerikaner so schön sagen: Baby dust to all of you. 

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