Häufig werde ich auf Social Media gefragt, was uns denn eigentlich nach Kalifornien gebracht hat. Am Liebsten würde ich dann gerne Folgendes sagen: „Auf dem Weihnachtsmarkt habe ich damals in Deutschland meinen Mann – einen Amerikaner – kennengelernt. Es funkte gleich zwischen uns und wie es der Zufall so will, sind wir uns dann Wochen später an meiner Universität über den Weg gelaufen, wo er gerade ein Auslandssemester machte. Aus Freundschaft wurde Liebe und aus Liebe eine Ehe, und schließlich sind wir dann gemeinsam in seine Heimat gezogen – Kalifornien.”

Na das wäre doch mal eine Story. Stattdessen antworte ich auf solche Fragen: „Mein Mann (auch Deutscher) und ich waren im Jahr 2012 für ein Auslandssemester und Praktikum in der Bay Area. Da hatte es uns so gut gefallen, dass uns Eines klar war: wir wollten unbedingt wieder nach Kalifornien gehen. Gesagt, getan.“

Zugegeben, das ist nicht die tollste oder romanischste Geschichte, aber es entspricht eben der Wahrheit. Es war kein leichter Weg und der bürokratische Aufwand wäre bestimmt für viele schon Grund genug gewesen, das Ganze doch sein zu lassen. Wir haben uns da aber irgendwie durchgekämpft und leben heute da, wo andere Urlaub machen. Das war schon immer ein Traum von mir und diesen Punkt kann ich definitiv auf meiner Bucket List abhaken – denn wer mich kennt, weiß, dass mich Abhaken außerordentlich glücklich macht.

So fing alles an

Um ehrlich zu sein war ich schon immer ein wenig vernarrt in die USA und wollte unbedingt nach Abschluss der zehnten Klasse für ein Jahr dort hingehen. Eine Organisation hatte ich schon im Auge und meine Chancen sahen ganz gut aus. Warum nichts daraus wurde? Fragt meine Eltern. Sie fanden die Idee, ihre 16-jährige Tochter ins Ausland zu schicken so ganz und gar nicht gut. „Mach dein Abitur, danach kannst du machen was du willst. Dann bist du 18, fertig mit der Schule und in unseren Augen alt genug.“

In der Theorie klingt das natürlich völlig plausibel und jetzt, wo ich selbst Mama bin, kann ich das natürlich viel besser nachvollziehen als ich das zu diesem Zeitpunkt konnte. Denn damals, vor ca. 15 Jahren, fand ich das alles ein “bisschen” uncool von meinen Eltern. Wie auch immer, im Nachhinein bin ich froh, dass alles so gekommen ist wie es ist.

Wenn ich ins Ausland gegangen wäre, dann hätte ich meinen Mann bestimmt nicht kennengelernt, denn wir waren in einer Parallelklasse in der Oberstufe. Wobei ich mich jetzt natürlich fragen muss, ob – wäre ich damals in die USA gegangen – ich heute nicht vielleicht doch eine ähnliche Variante meiner ersten Version hätte erzählen können. Und anstatt Weihnachtsmarkt hätten wir uns vielleicht auf  einer Party der High School kennengelernt. Ach, das liebe Schicksal. Nicht falsch verstehen, ich liebe meinen Mann.

Wie auch immer, nach dem Abitur hatte ich dann natürlich ganz andere Dinge im Kopf: Jungs. Wer wollte da denn noch ins Ausland, wenn man in einer festen Beziehung ist bzw. gerade die Anfangszeit einer neuen genießt? Ich nicht. Und so kam es, dass mein Amerikatraum erstmal auf Eis gelegt wurde.

Studieren, studieren und studieren

Nach einem gescheiterten BWL-Studium und anderen Anlaufschwierigkeiten fand ich mich plötzlich an der Universität Mannheim im Studiengang Lehramt wieder, und zwar in der Anglistik/ Amerikanistik. In der Einführungsveranstaltung sagte dann der nicht sonderlich sympathische Dozent am Pult, dass wir alle ins Ausland müssten, und nicht nur für einen Urlaub. „Wer Englisch studiert, muss ins Ausland und soll sich ja nicht trauen zurückzukommen, bevor er nicht auf Englisch träumt.“ Das waren seine Worte.

Als ich dies hörte wusste ich auch nicht so recht was ich davon halten sollte. Wollte ich denn wirklich ins Ausland? Natürlich! Aber wie sollte ich das mit meinem Freund vereinbaren, mit dem ich mittlerweile zusammengezogen war? Eine Trennung über mehrere Monate (oder wie lange es denn auch dauern mag bis man auf Englisch träumt) konnte und wollte ich mir nicht vorstellen. Panik stieg in mir auf.

So studierte ich fröhlich vor mich hin, wechselte noch einmal mein zweites Fach, denn irgendwie stellte sich heraus, dass ein Mathematikstudium doch nicht so ganz das Richtige für mich war (ach, ganz vergessen zu erwähnen: ich hatte doch tatsächlich ein Mathestudium angefangen. Verrückt!). Lange Rede kurzer Sinn: das Studium war gut und das Paxissemester an einer Schule rückte immer näher. Ich registrierte mich bei der Praktikumsvergabestelle und hoffte, zu den glücklichen Gewinnern zu zählen, da ich sonst ein halbes Jahr hätte warten müssen. Wie es das Schicksal aber so wollte ging ich leer aus, die Enttäuschung und Verzweiflung war groß.

Glück im Unglück

Entsetzt über dieses Vergabesystem (denn im Nachhinein kam heraus, dass sehr viele Stellen schon vorab unter der Hand vergeben wurden) machte ich mich an die Recherche, denn es musste doch eine Alternative geben. Und ich wurde fündig. Denn das Bundesland Baden-Württemberg erlaubte doch tatsächlich das Absolvieren des Praktikums an einer deutschen Schule im Ausland.

Schnell überflog ich die Liste und stoppte bei dem Wörtchen USA. Folgende drei Schulen standen zur Auswahl: New York City, Washington DC und Mountain View in Kalifornien, der Google-Stadt. Auf Anhieb wusste ich, dass Kalifornien meine erste Priorität sein würde. DC hatte ich ein Jahr zuvor bei meiner Reise entlang der Ostküste besucht und war nicht ganz so begeistert gewesen. Dagegen hatte ich mich in San Francisco verliebt, denn dort war ich 2009 für ganze acht Tage mit meinem Freund spontan nach einer Matheklausur hingeflogen: Wetter, Golden Gate Bridge, Hügel und Meer – was will man mehr.

Dort hatte ich mich dann auch zügig beworben und aus welchen Gründen auch immer bekam ich den heiß begehrten Praktikumsplatz im Silicon Valley. Da war er also, mein Auslandsaufenthalt. Doch ohne meinen Partner für 6 Monate? Nein, danke. Und so kam es, dass sich mein Freund um ein Auslandssemester in der Nähe meiner Schule bemühte. So fing sie also an, unsere Reise nach Amerika.

Ein Traum wird wahr

Im Januar 2012 war es dann soweit und wir reisten zusammen mit unserem Hund für sieben Monate in die USA. Dort hatten wir eine sehr schöne Zeit, knüpften Kontakte und fanden Freunde für’s Leben. Schnell stellten wir fest, dass sich die amerikanische Kultur doch in vielen Dingen stark von der Deutschen unterschied. Insbesondere die generell positive Einstellung und Freundlichkeit machten die Umstellung kinderleicht. Mit T-Shirt im Januar am Strand? Wie sollte es einem da auch nicht gefallen.

Gerne hätten wir unseren Aufenthalt verlängert, doch leider hatten wir auf die Schnelle keine Möglichkeit gefunden. Praktikumsplätze sind und waren sehr beliebt und so kam es, dass wir im August – immerhin mit Ring am Finger, denn mein Freund hatte mir einen Antrag gemacht –  wieder nach Deutschland zurückkehrten. Nicht jedoch ohne sechs Wochen lang einmal von Kalifornien mit Sack und Pack nach Florida zu fahren. Jawohl. Weil wir ein bisschen verrückt sind.

Die Umstellung war nicht leicht

Das Leben und unser Alltag in Deutschland fiel uns schwer. Zwar hatten wir endlich wieder Familie und Freunde um uns herum, aber das wird ja leider schnell zur Selbstverständlichkeit. Es wurde Winter, kalt und regnerisch. Die anderen Menschen aus anderen Wohnungen in unserem Haus waren unfreundlich, konnten nicht einmal ein Paket für uns annehmen – und das, obwohl wir immer nett grüßten.

Und so fiel uns ziemlich schnell die Decke auf den Kopf und die Sehnsucht nach Kalifornien wurde größer und größer. Es musste doch einen Weg zurück geben? Wir suchten und forschten – und wurden fündig. Mein Mann bekam schließlich einen Praktikumsplatz bei einem deutschen Automobilunternehmen im Silicon Valley. Und ich? Ich stand kurz vor dem Examen und wollte die freie Zeit für meine Zulassungsarbeit und die Vorbereitung auf mein Examen nutzen. Der Wille war da.

Im Jahr 2013, nach einem Jahr in Deutschland (und einer spontanen Eheschließung vor dem Auslandsaufenthalt), saßen wir also wieder im Flieger, der Hund wieder im Frachtraum. Destination? California. Wir zogen in den gleichen Apartmentkomplex wie vorher (und zahlten da jetzt auch nur $500 mehr im Monat) und genossen unser Leben. Ich arbeitete mehr oder weniger fröhlich vor mich hin.

Eine neue Liebe: Webseiten bauen

Ein Monat verflog nach dem anderen und wir waren uns einig, dass wir gerne verlängern würden. Gesagt, getan. Mit der Verlängerung kamen aber auch die Zweifel meinerseits: werden wir denn überhaupt wieder zurück gehen? Wenn ja, wann? Ist meine Vorbereitung auf´s Examen überhaupt sinnvoll? Was könnte ich sonst Sinnvolles tun? Irgendwie doch schade, dass wir all diese Erfahrungen sammeln und mit Keinem teilen. Die Reaktion meines Mannes: “mach doch eine Webseite!”

Keine schlechte Idee, dachte ich mir. Warum eigentlich nicht? Leider hatte ich keinerlei Erfahrung im Aufbau von Webseiten, aber was man nicht weiß kann man ja lernen. Und genau das tat ich auch. Von morgens bis abends arbeitete ich an meiner Webseite siliconvalley.help und hatte so viel Spaß daran, dass ich mich fragte, warum ich dies nicht schon vorher zu meinem Beruf gemacht hatte.

Als ich dann endlich ein Visum mit einer Arbeitserlaubnis bekam, konnte ich dann nebenher im Nachmittagsbereich der Deutschen Schule, in der ich damals Praktikantin war, arbeiten. Das war ein toller Ausgleich zu meiner Webseite und ich war rundum glücklich und zufrieden.

Ein großer Schritt

Ds ist ein Bild von unserem Container

Als dann das Praktikumsende meines Mannes bevorstand, wurde ihm eine Festanstellung angeboten. Da überlegten wir nicht lange. Mein Mann flog nach Deutschland um all unsere Sachen in den Container einzuladen und wir schauten uns nach einer neuen, etwas größeren Unterkunft um. Am Meer sollte sie sein und Hunde erlauben, denn mittlerweile hatten wir einen weiteren Hund aus einer Familie geholt, die diesen ganz schlecht behandelte. Nach einem langen Jahr, mit all unseren Sachen aus dem Container in unserer schnuckligen 2-Zimmer-Wohnung, fanden wir dann ein kleines Häuschen mit Garten – in Meeresnähe.

Wie ihr seht waren bei uns die Übergänge sehr fließend. Es gab nicht den Tag X an dem wir sagten: „Hallo zusammen, wir wandern aus“. Nein, schleichend kam es, dass wir auch heute, über 4,5 Jahre später, noch immer hier in Kalifornien hausen. Es war einfach wie mit dem Älterwerden: du wirst jeden Tag ein bisschen älter und die Falten werden tiefer, aber heute siehst du im Spiegel auch nicht wirklich großartig anders aus als gestern – die Haare sind vielleicht ein bisschen fettiger, aber das war’s auch schon.

Sind wir denn wirklich ausgewandert?

Wenn man sich unseren schleichenden Prozess so anschaut, dann muss man sich fragen, ob man denn in unserem Fall tatsächlich von Auswanderung sprechen kann. Ja, wir haben all unser Hab und Gut aus Deutschland bei uns – definitiv ein Zeichen, dass wir hier länger bleiben wollten. Und wie sieht es heute aus? Sind wir denn ausgewandert oder ist dies hier alles nur vorübergehend?

Glaubt mir, diese Frage stelle ich mir täglich. Es ist alles nicht ganz so einfach. Je mehr man von der Welt gesehen hat, desto besser weiß man Vor- und Nachteile der Heimat zu schätzen. Doch wo liegen unsere Prioritäten? Wo sind wir am Glücklichsten? Wenn wir das nur wüssten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Abschließend kann ich nur sagen, dass wir ständig darüber reden, wo wir uns denn in den nächsten Jahren sehen. Momentan leben wir noch zur Miete (denn ein Haus kostet in der Bay Area im Schnitt über eine Million Dollar) und irgendwie wird der Wunsch nach unseren eigenen vier Wänden größer und größer. Aber hier ein Haus kaufen? Unwahrscheinlich. Zurück nach Deutschland? Vielleicht. Aber wann? Wir wissen nur eins, nämlich dass wir nichts wissen.

Und so vergeht ein Jahr nach dem anderen und wenn wir nicht aufpassen, dann leben wir noch in fünf Jahren in unserem kleinen Häuschen hier am Meer. Klingt zwar gar nicht so schlecht, aber ist eigentlich nicht das was wir wollen. Vermutlich ist genau das das Problem, nämlich zu wissen was wir nicht wollen und keinen blassen Schimmer davon zu haben, was wir eigentlich wollen. Alles nicht so einfach und ich freue mich auf den Tag, an dem ich mich irgendwo auf dieser Erde in meinem eigenen Häuschen niedergelassen habe und denke: hier bin ich zuhause.

9 Kommentare
  1. Sandra
    Sandra sagte:

    Awesome💖 ganz tolle Geschichte. Ich kann dich gut verstehen. Habe 4 Jahre in LA gelebt. Jetzt habe ich ein Eigenheim und Familie in Deutschland. Aber ich denke doch oft an die Zeit zurück und frage mich manchmal was wäre wenn… Es hat beides Vor- und Nachteile😊 Ich bin sehr glücklich meine Familie um mich zu haben und ich liebe meine südbadische Heimat, mit allem was dazu gehört, dennoch vermisse ich California und the American way of life. Freue mich immer von dir zu lesen. Have a nice day😘

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    • Bine
      Bine sagte:

      Vielen Dank für deine liebe Nachricht, Sandra!! <3 Warst du denn beruflich vier Jahre in LA? Freut mich zu hören, dass du in deiner Heimat glücklich bist! Von einem Eigenheim und Familie "nearby" kann ich nur träumen...aber du weißt ja wie das ist. Und ich kann mir gut vorstellen, dass man da immer mal wieder drüber nachdenkt, wie denn alles gekommen wäre wenn... Leider kann man im Leben nicht alles haben. Wie mein Mann immer so schön sagt: you can have anything you want, but not everything. :-*

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  2. Judith
    Judith sagte:

    Super Geschichte😍 ich habe mit 16 ein highschool year in illinois gemacht 😉 nach kalifornien bin ich leider noch nicht gekommen, aber wird sicher auch bald mal so weit sein😊 auf jeden fall, klingt das alles sehr toll und ich beneide dich/euch etwas für den mut einfach auszuwandern😉 der american way of life ist einfach was besonderes😍

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    • Bine
      Bine sagte:

      Hallo Judith, vielen Dank für deine Nachricht! Ha, du hattest also diese coolen Eltern, von denen ich damals immer geträumt habe… 😉 Illinois soll ja auch so schön sein, leider war ich bis jetzt noch nicht dort. Wird aber sicherlich bald nachgeholt! Finde auch, dass the American way of life was ganz Besonderes ist – einfach alles ein bisschen entspannter und fröhlicher hier. Liebste Grüße nach Deutschland!

      Antworten
  3. Nina
    Nina sagte:

    Love it!
    Haha, ehrlich, Bine, du sprichst mir aus dem Herzen. Ich hab den Artikel verschlungen und mehrfach ganz begeistert gebückt..
    Wahnsinn, wie viele Parallelen es da bei uns gab!
    Wir vermissen euch!

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    • Bine
      Bine sagte:

      🤣 Awww, vielen Dank für deine liebe Nachricht!! Wir vermissen euch auch so sehr! Ich wusste schon immer, dass wir sehr viele Gemeinsamkeiten haben. Wünsche euch einen guten Start in die Woche!

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  4. Lisa
    Lisa sagte:

    Hallo Bine
    Bin ganz zufällig über eine Stichwortsuche auf deinen Blog gestossen und hängengeblieben. 😉
    Ist so interessant, was und in welcher Offenheit du alles erzählst.
    Es ist immer mein Traum, mal eine Weile in den USA und vor allem in Kalifornien zu leben!
    Ich habe grossen Respekt vor Euch, dass ihr das alles realisiert habt und was du dann dort alles erlebt hast und erlebst….
    Ich bin vor 17 Jahren „nur“ in die Schweiz ausgewandert und hoffe, wir schaffen es eines Tages noch für ein paar Jahre in die USA… 😉
    Ganz liebe Grüsse,
    Lisa

    Antworten
    • Bine
      Bine sagte:

      Liebe Lisa,
      vielen, vielen Dank für deinen lieben Kommentar!! Ich freue mich immer riesig von meinen Lesern zu hören. 🙂 Ja, das Leben in Kalifornien ist schon ganz schön – aber da gibt es trotzdem so einiges, was ich an Deutschland vermisse. Insbesondere die Entfernung zur Familie und den Freunden macht es schwierig. Da habt ihr es mit der Schweiz ja nicht allzu weit und schön ist es dort ja auch. Die Schweiz steht übrigens auf unserer „Vielleicht-später-mal-Liste“. Wer weiß, wohin es uns noch zieht in diesem Leben.
      Also nochmal vielen Dank für deine lieben Worte, ich würde mich freuen wenn du auch weiterhin hier vorbei schaust. Liebste Grüße in die Schweiz,
      Bine

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